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02/08/99 - Deutschlandfunk - Rock Et Cetera

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"Wir haben begonnen Musik zu machen, weil das Leben in einer britischen Kleinstadt tödlich langweilig ist", sagt ein Mitglied der Manic Street Preachers. Die Mühe hat sich offenbar gelohnt. Die walisische Gruppe wurde zu einer der wichtigsten Rockbands der 90er Jahre, vom Publikum und Kritik gleichermaßen gefeiert. Andreas Dewald beleuchtet die nicht ganz problemlose Karriere der Manic Street Preachers.

» You Stole The Sun From My Heart


Die Manic Street Preachers sind heute eine berühmte Band. Weltweit feiern sie Erfolge, haben Millionen von Platten verkauft und in Großbritannien diverse Preise und Auszeichnungen erhalten. Ihre Songs schallen aus den Radios und von den Bühnen rund um den Globus. Alle Welt will sie hören. Wenn man als Journalist heute ein Interview mit der Band machen möchte, muß man sich auf verschärfte Kampfbedingungen einstellen. Genervte Manager, Promoter und Plattenfirmenmenschen, die Verabredungen nicht einhalten, Ort, Zeit und Partner des Gesprächs ändern und überhaupt jede Menge Druck machen. Das übliche halt, wenn man es mit begehrten Popstars zu tun hat. James Dean Bradfield aber, der kleine untersetzte Sänger und Gitarrist der Manic Street Preachers entpuppt sich, sobald sich die Türen hinter uns geschlossen haben, als derselbe sympathische Kerl, den ich aus früheren Treffen in Erinnerung habe. Er trägt unauffällige weite Khaki-Klamotten in beige und braun, teure Sneakers, hat offensichtlich ein wenig an Gewicht zugesetzt, wirkt aber nicht dick. Die Anstrengungen der laufenden Tournee sind ihm anzumerken, tun seiner Freundlichkeit aber keinen Abbruch. 'This Is My Truth Tell Me Yours', das aktuelle Album der Manic Street Preachers und die erste Single daraus sind gerade auf Platz 1 der britischen Hitparade geschossen. "Ich denke, die Gruppe ist ihren wesentlichen Grundsätzen immer treu geblieben. Daran haben wir immer festgehalten. Wir schreiben nach wie vor Songs über Dinge, die uns berühren, die in unserem Leben eine politische Bedeutung haben. Egal ob sie parteipolitisch sind oder andere sie für unpolitisch halten. Wir haben immer versucht nicht über Liebe zu schreiben. Das hat für uns nie Sinn gemacht. Es ist wohl unvermeidlich, daß man diese Kriterien manchmal nicht ganz erfüllt, aber ich glaube im Großen und Ganzen ist es uns gelungen. Wir kennen uns untereinander genau. Wir sind gemeinsam gewachsen und wissen genau was uns nicht gefällt. Deshalb sind unsere Werte dieselben geblieben." James Dean Bradfield ist der einzige der Manic Street Preachers, der noch in London lebt. Schlagzeuger Sean Moore wohnt im weit entfernten Bristol und Bassist Nicky Wire ist vor einiger Zeit wieder in die Heimat des Trios, in das ländliche Wales, zurückgezogen. Er wolle zu Hause bleiben und nicht gezwungen werden Wales zu verlassen, hat Wire kürzlich gesagt. Das sei ihm das wichtigste im Leben. Als die Manic Street Preachers im letzten Jahr einen Brit-Award entgegennahmen trug er ein T-Shirt mit der Aufschrift 'I Love Hoovering', Ich liebe das Staubsaugen. Vom Popstarrummel der englischen Metropole halten sich die drei Waliser auf dem Höhepunkt ihres Ruhms entschieden fern. James Dean Bradfield: "Ich stamme aus der Arbeiterklasse. Wir sind alle in einer kleinen Stadt in Wales aufgewachsen, in der die Leute vom Kohlebergbau lebten. Eine richtige Arbeitergegend. Es gab viel Gewalt da, Alkoholprobleme, kaputte Beziehungen, Scheidungen usw. Wenn du diesen Background nicht in deine Songs einfließen läßt, dann belügst du dich nur selbst und sagst nicht die Wahrheit. Aber wir sind keine Klassenkämpfer. Wir setzen uns nur mit den Dingen auseinander, die uns in der Vergangenheit geprägt haben."


» Motorcycle Emptiness


April 1992, Flughafenhotel Frankfurt, mein erster Kontakt mit den Manic Street Preachers. Vereinbart war ein Interview mit einem gewissen Richey Edwards, zweiter Gitarrist und Texter der Band. Ein Mann, der das Schicksal der Gruppe später auf mysteriöse, ja tragische Weise, bestimmen sollte, wie man noch sehen wird. Als er damals das Zimmer betrat, sah er fast so aus wie der junge Johnny Thunders. Hochtupierte schwarze Strähnen, eingehüllt in eine Wolke von Haarspray, bleich gepudert, die Augen mit Kajalstift geschminkt. Dazu trug er enge weiße Jeans, ein Hemd im Leopardenmuster und zahlreiche Armreifen, die bei jeder Bewegung rasselten. Eine Figur wie aus dem Bilderbuch des Rock'n'Roll, dachte ich. Genau das wollten die Manic Street Preachers Anfang der 90er Jahre wieder aufschlagen. Die Idee des rebellischen Teenagers neu beleben. Richey erinnerte sich: "Als Jugendliche sahen wir für uns keine Möglichkeiten. Wir waren gelangweilt und frustriert. Wir waren nicht gegen etwas bestimmtes, wir waren gegen alles. In den Ferien saßen wir regelmäßig in unseren Schlafzimmern rum und wußten nicht was wir tun sollten. Wir sahen raus und da war einfach nichts." 'Generation Terrorists' hat Richey Edwards damals auf seine Oberarm tätowieren lassen [Anmerkung: richtig ist 'Useless Generation'] und so hieß auch das Debütalbum der Manic Street Preachers, auf dem sie politische Slogans und nihilistische Parolen mit punkigem Hardrock verbanden. Damit wollten sie ihre Generation solange terrorisieren, bis ihr klar wurde, daß ihr Heil nicht im Abschluß von Bausparverträgen und dem Erwerb von Prestigesymbolen und Modeaccessoires lag. 16 Millionen Platten wollten die Manic Street Preachers von ihrem ersten Album verkaufen und dann die Band auflösen. Stars sein oder tot. Die vier Waliser träumten von der Revolution, von den alten Tagen der Rockkultur, als die Musik noch rauh, die Fans noch wild und das Establishment noch empört waren. "Musik wurde zur wichtigsten Sache in unserem Leben. Die 80er Jahre waren jedoch in Großbritannien kulturell banal und bankrott. Wir kauften uns all die Platten von denen die Musikpresse behauptete sie wären großartig und würden unser Leben retten. Aber wir waren echt enttäuscht. Klassische Rockalben, wie Exile On Mainstreet von den Stones und andere von den Who und den Clash haben uns immer viel mehr bedeutet als die meiste zeitgenössische Musik."


» Motown Junk


"Ich glaube die wichtigsten Jahre in deinem Leben sind die zwischen 13 und 16", sagt James Dean Bradfield. "Als ich in diesem Alter war fand in Großbritannien der große Bergarbeiterstreik statt, der ein ganzes Jahr lang dauerte. Er betraf Menschen, die ich kannte. Meine Verwandten, meine Freunde, meine Eltern, die alle Bergarbeiter waren. Das war eine Erfahrung, die uns wirklich politisierte. Wir waren Teenager, gingen aus, betranken uns, flippten zu Musik aus und zur gleichen Zeit passierte dieses einschneidende politische Ereignis." Anfang der 90er Jahre waren die Manic Street Preachers die Band, über die in der Musikpresse in England am lautesten nachgedacht wurde. Sie waren die Antwort auf den Rockboom aus den USA, die Reaktion auf Grunge, auf Nirvana, Pearl Jam und Co. Eine Richtung, die spätestens 1992 zum Mainstream, zur Allerweltspopmusik, geworden war. Im Gegensatz zu den amerikanischen Helden waren die Manic Street Preachers jedoch gebildet und jagten nicht mehr dem Gespenst der Echtheit, dem Glauben an das Authentische hinterher. Sie wirkten so, als hätten sie alle wichtigen Bücher über die Popkultur gelesen und würden nun ihr Praktikum antreten. Ein Ansatz, der sie mit den Punks der 70er Jahre verband. Und so schlugen auch den Manic Street Preachers zunächst Haß und Liebe entgegen. Im Frühjahr 1991 etwa fiel Richey Edwards einem Journalisten in die Hände, der all die Vorwürfe wiederholte, denen sich die Band seit ihrer Gründung Ende 1988 ausgesetzt sah. Die Manic Street Preachers seien musikalisch unoriginell, in ihrem Anliegen lächerlich, kurzum, nichts anderes als Comicpunks, die man nicht ernst nehmen könnte. Richey Edwards sah rot und schon floß Blut, wie er sagte. "Es passierte in einem Interview mit dem New Musical Express. Es war eines von diesen Streitgesprächen, die wir eigentlich sehr gerne führen. Aber dieser Journalist verstand einfach gar nichts. Ich erklärte ihm, daß wir Musik machen, weil das Leben in einer britischen Provinzstadt wirklich tödlich langweilig ist. Menschen, die ihr ganzes Leben in London verbracht haben denken sie könnten jeden Abend in ein Konzert, ins Kino oder in ein Restaurant gehen. Dieser Journalist glaubte mir einfach nicht. 'Das ist Quatsch', sagte er, 'man kann überall Spaß haben.' Es wäre einfach gewesen ihn einfach zu verprügeln. Wo wir herkommen tun die Leute das jeden Tag. Aber ich überlegte mir etwas anderes. Ich holte mir von unserem Gitarrenroadie eine Rasierklinge und verstümmelte mich selbst. Ich wollte diesem Journalisten damit zeigen, wie frustriert wir wirklich waren." '4 REAL', wir meinen es ernst, hatte sich Richey damals mit scharfer Klinge in seinen linken Unterarm geritzt. Die Narben waren noch gut zu sehen, als ich ihm ein Jahr nach dem Vorfall gegenübersaß. Das Foto mit den frischen, klaffenden Wunden ging um die Welt und unterstrich den Kampfeswillen der Manic Street Preachers mit Blut.


» She Is Suffering


"Wir nähern uns dem Ende des Jahrhunderts und da empfindet man doch eine gewisse Übelkeit. Es hat zwei Weltkriege gegeben und den totalen Zusammenbruch der Sowjetunion. Das Leben der meisten Menschen hat sich nicht verbessert. Vielleicht haben sie einen besseren Fernseher, ein besseres Auto oder ein paar neue Computerspiele, aber die meisten sind doch deprimiert. Sie sind arm und sehen zu den wenigen Reichen auf. In wenigen Tagen wird in England gewählt. Aber ich denke, da wird sich nichts ändern. Man wird nur mehr Steuern zahlen müssen. Ich habe da überhaupt keine Hoffnung." Diese wenig optimistischen Worte von Richey Edwards waren 1992 wohl nur der Beginn einer persönlichen Depression, die im Laufe der nächsten Jahre immer gravierender wurde. Die düsteren Texte, die er für das 94er Album 'The Holy Bible' schreib machten es zum dunkelsten und extremsten Werk, das die Manic Street Preachers je veröffentlicht haben. Voll von Ekel, Selbstverachtung, politischem Horror und apokalyptischen Endzeitvisionen. Um dieses Album in Amerika zu promoten hielten sich Richey Edwards und Sänger James Dean Bradfield am 1. Februar 1995 in einem Londoner Hotel auf. Von dort aus wollten sie am Morgen zum Flughafen fahren und gemeinsam in die USA aufbrechen. Zur vereinbarten Zeit und auch später tauchte Richey Edwards jedoch nicht auf. Er war einfach verschwunden, spurlos. Nur sein Auto wurde zwei Wochen darauf in der Nähe einer Flußbrücke verlassen aufgefunden. Ansonsten kein Lebenszeichen, keine Todesnachricht, gar nichts. Nur die üblichen Spinner, die Richey Edwards irgendwo in der Welt gesehen haben wollen. Und eine Unmenge spekulativer Artikel in der Boulevardpresse, die sich sensationslüstern über den Fall hermachte. Für alle anderen, für die Fans, die Familie und vor allem für die Band selbst, war das rätselhafte Verschwinden von Richey Edwards nur eines, eine Tragödie. James Dean Bradfield: "Als unser Texter und Gitarrist Richey verschwunden war, lies er uns in einer konfusen Situation zurück. Wir mußten uns damit abfinden, daß diese Band nicht mehr dieselbe sein konnte wie zuvor. Bevor wir ein neues Album machen konnten mußten wir eine Menge Ballast abwerfen. Wir mußten einige unserer eigenen Regeln brechen. Mit 'Everything Must Go' haben wir uns sozusagen von unserer eigenen Geschichte gelöst."


» A Design For Life


'A Design For Life' war die erste Single, die die Manic Street Preachers ohne Richey Edwards als Trio herausbrachten. Sie gelangte auf Platz 2 der britischen Hitparade und wurde zu ihrem bis dato größten Erfolg. 'Librarys gave us power', Büchereien gaben uns Macht. Diese erste Zeile des Songs schien ebenso vielen Leuten zu gefallen wie der Refrain 'we only want to get drunk', wir wollen uns nur betrinken, den man einfach herrlich mitsingen konnte. 'A Design For Life' war nicht nur ein imposanter Song, er unterstrich auch, daß die Manic Street Preachers nichts von der sozialistischen Rhetorik ihrer Aufbruchzeit verloren hatten. "Der Song ist ein Versuch uns wieder mit den Werten der Arbeiterklasse in Einklang zu bringen. Er sagt, was immer man der Arbeiterklasse antut, was immer man ihr zumutet, was immer man ihr für Lügen auftischt, sie wird es immer überleben. Sie wird immer die begabtesten Sprecher einer Generation hervorbringen, ob das jemand ist wie Shaun Ryder oder Liam Gallagher oder jemand wie Richey. Leute, die eine eigene Sprache entwickelt haben aus der die sie kannten. Wir sagen Fish and Chips werden immer besser schmecken als Kaviar." 'Everything Must Go', das vierte Album der Manic Street Preachers von 1996 klang anders als der schwer zugängliche Vorgänger 'The Holy Bible'. Das Verschwinden von Bandmitglied Richey Edwards war auch nach 15 Monaten vollkommen ungeklärt. Von Selbstmitleid und larmoyanter Trauerarbeit aber war auf diesem Album nichts zu spüren. Statt dessen traten die Manic Street Preachers tapfer wie sie sind die Flucht nach vorne an. Sie hatten ihr musikalisches Vokabular deutlich erweitert und überraschten mit geradezu epischem Pop-Rock, mit leidenschaftlichen Hymnen voller Geigen, Harfen und Bläserarrangements, die mitunter gar an den guten alten Phil Spector erinnerten. "Ich wollte, daß die Songs für dieses Album etwas positiver und freundlicher sein sollten. Ich wollte sie nicht so aufpeitschend haben, eher versehen mit einem Sinn für das Wunderbare. Außerdem wollte ich eine Art von Phil Spector-Sound in einige der Songs einbauen. Es sollte für uns möglich sein Trost in unserer Musik zu finden. Ich wollte die Leute nicht mehr vor den Kopf stoßen." Sehr viel subtiler mutete auch die Palette an Themen an, um die sich die neuen Songs der Manic Street Preachers drehten. Es gab weniger plakative Slogans, kaum provokative Sprüche wie in den alten Tagen. Die Texte, die jetzt zum größten Teil von Bassist Nicky Wire stammten gingen zumeist von sehr persönlichen Beobachtungen aus. Der Song über Kevin Carter zum Beispiel. "Kevin Carter war ein Kriegsfotograf in Ruanda, der den Pulitzerpreis für ein Foto erhielt, das er dort gemacht hatte. Darauf war ein Kind zu sehen, das offensichtlich gerade starb. Nachdem er dafür den Pulitzerpreis gewonnen hatte brach in der Intelligenz ein großer Streit los, ob es für ihn ethisch und moralisch vertretbar gewesen sei diesen Preis für dieses erschütternde Foto anzunehmen. Das deprimierte ihn sehr. Außerdem hatte er im Krieg in Ruanda schreckliche und schockierende Dinge erlebt, die ihn wie Dämonen verfolgten und für ihn zum Trauma wurden. Irgendwann hat er sich dann selbst erschossen."


» Kevin Carter


Für das Album 'Everything Must Go' erhielten die Manic Street Preachers in England 3fach Platin. Damit waren sie von der Kultband für relativ wenige zum internationalen Topact für Millionen geworden und hatten eine Tragödie in einen Triumph verwandelt. Und die Integrität und Glaubwürdigkeit der Gruppe waren dabei intakt geblieben, auch wenn viele Fans der frühen Tage, viele Anhänger von Richey Edwards, laut Verrat und Ausverkauf riefen und einen morbiden Kult um den rätselhaften Rock'n'Roll-Untoten veranstalteten. Grund dazu hatten sie nicht. So waren auf 'Everything Must Go' nicht weniger als 5 Songs zu finden deren Texte vollständig oder teilweise von Richey Edwards stammten. Allesamt aufgenommen bevor er verschwand. Darunter ein Stück mit dem Titel 'Small Black Flowers That Grow In The Sky'. "Richey hatte damals eine Dokumentation über die Zustände in europäischen Zoos gesehen. Darin ging es um die mentale Verfassung der dort lebenden Tiere. In dieser Studie wurde festgestellt, daß mind. 40% der eingesperrten Tiere im klinischen Sinne krank wurden. Es wurden z.B. Affen gezeigt, die jede Stunde über 80 mal denselben Weg auf und ab rannten. Diese Tiere wurden so gelangweilt und verhaltensgestört, daß sie verrückte Spiele mit ihresgleichen spielten. Alles Dinge, die sie niemals tun würden, wenn sie in Freiheit leben würden. Darüber schrieb Richey einen Song. Man kann ihn als Metapher verstehen, aber wer weiß schon."


» Small Black Flowers That Grow In The Sky


Im Laufe der Jahre '97 und '98 wurden die Manic Street Preachers mit Auszeichnungen überhäuft. Sie erhielten Kritikerpreise von fast allen britischen Musikmedien. Einen prestigeträchtigen Ivor-Novelli-Preis, vor allem den begehrten Brit-Awards für Best Album und Best Band. Das hatte zu folge, daß der Verkauf aller, auch der alten Platten der Band erneut sprunghaft anstieg. Die drei Manic Street Preachers wurden zu Millionären, behielten ihren bescheidenen Lebenswandel jedoch bei. Nicky Wire besitzt ein altes Haus in Wales und fährt in den Ferien allenfalls an die nahe Küste. Und James Dean Bradfield passiert es noch heute, daß der Schaffner im Zug ihn fragt, ob es ihm klar ist, daß er in der 1. Klasse sitze, sagt er. Die unverändert bodenständige Haltung des Trios kommt auch auf seinem aktuellen, nunmehr fünften Album zum Ausdruck. Das beginnt bereits beim Titel. 'This Is My Truth Tell Me Yours' ist ein Ausspruch des walisischen Labour-Politikers Aneurin Bevan. "Er hat das britische Gesundheitssystem gegründet und er war wirklich ein echter Sozialist. In den Bergen bei Blackwood in Wales gibt es diese Aneurin-Bevan-Gedenksteine. Vor 2 Jahren fand dort eine Gedenkveranstaltung statt bei der die ganze Nacht viele alte Reden von Aneurin Bevan über eine Tonanlage abgespielt wurden. Dazu gab es eine Lightshow, Dias usw. Nick ist dort gewesen und hörte wie Bevan in seinen Reden ständig sagte, this is my truth tell me yours, dies ist meine Wahrheit sag mir deine. Das inspirierte ihn zu dem Albumtitel." Dies ist meine Wahrheit, sag mir deine. Der Titel des aktuellen Album der Manic Street Preachers fordert bereits zum Nachdenken auf. Überlege dir was wir sagen, bilde dir deine eigene Meinung, beziehe Stellung. Diese offene undogmatische Haltung spiegelt sich auch in der Musik. Sie ist feinsinniger, melancholischer, zugänglicher und weniger arrogant als früher. Die Texte von Nicky Wire sind von der Sprach her recht einfach, die Themen der Songs jedoch höchst komplex. 'If You Tolerate This Your Children Will Be Next' z.B. entstand aus der Erinnerung an den spanischen Bürgerkrieg. "Wir wollten die Leute darauf aufmerksam machen wie sehr sie sich von ihrer eigenen Vergangenheit abgeschnitten haben. Was sie politisch erreichen könnten, wenn sie sich einer Sache wirklich ernsthaft annehmen. Das ist nicht so einfach, vor allem ,wenn du älter wirst. Ich selbst bin wahrscheinlich auch nicht mehr so politisch wie früher und ich weiß nicht wie das für junge Leute heute ist. Viele haben offenbar keine Ahnung und denken in Klischees. Politiker sind alle gleich, die Blair-Regierung unterscheidet sich nicht von der konservativen Regierung davor. Das ist einfach blanker Unsinn."


» If You Tolerate This Your Children Will Be Next


"Wir haben ja schon am Anfang gesagt, wir werden 16 Millionen Platten verkaufen und die wichtigste Rockband der 90er Jahre werden," sagt James Dean Bradfield. " Das ist fast war geworden. Wir haben nicht das beste Buch geschrieben, aber wir haben das beste Kapitel verfaßt." Dem möchte man zustimmen. Auch als Band mit Millionenpublikum und Nummer-1-Erfolgen schreiben die Manic Street Preachers immer noch Songs über Dinge, die andere in ihrer Position nicht mal in ihren kühnsten Träumen in Erwägung ziehen. Musikalisch entwickeln sie sich auf eine Weise, die bei jeder Veröffentlichung aufs neue imponiert. Die Manic Street Preachers sind mehr als nur eine Rock'n'Roll-Band. Denn es geht ihnen um mehr. Um die alte Idee, daß Rock'n'Roll die Welt zumindest ein bißchen verändern kann. Kein Zweifel, sie sind eine bedeutende Band, die Manic Street Preachers. Nur der dunkle Schatten von Richeys Edwards wird wahrscheinlich ewig über ihnen schweben. So ähnlich wie der von Syd Barret über Pink Floyd. Wenn James Dean Bradfield heute an Richey Edwards zurückdenkt, was vermißt er dann am meisten? "Ich vermisse die ganz gewöhnlichen Dinge. Richey und ich, wir haben uns gerne einen angetrunken und dann herrlichen Blödsinn geredet. Sein Lächeln fehlt mir sehr, sein wunderbares Lächeln und die endlosen Gespräche, die wir führten. Manche waren gut und interessant, manche einfach ohne Sinn und Verstand. Ich vermisse ihn so, wie wenn man halt einen guten Freund vermißt, mit dem man gerne zusammen wäre. Daran erinnere ich mich gerne. Ein Drink mit ihm und sein Lächeln."

» Ready For Drowning

Sie hörten rock et cetera von Andreas Dewald.